Morgens um fünf bin ich schnell aus dem Haus. 3 Minuten bis zur S-Bahn, 10 Minuten Fahrt, 2 Minuten zu Fuss – und schon sitze ich an meinem neuen Arbeitsplatz. Ich arbeite bei einer wichtigen Schweizer Krankenkasse in der Abteilung Posteingang. Täglich erreichen uns 15'000 - 20'000 Tarmed-Belege aus der ganzen Schweiz. Jeder dieser Belege muss genaustens kontrolliert werden, bevor man diesen einscannt. Da müssen zum Beispiel Gümmelis und Büroklammern weg.

 

Ich habe meinen Blick geschärft und benötige für die Kontrolle eines Beleges ungefähr 2 Sekunden, für komplizierte Belege etwas länger. Wenn einer unserer 10 Mitarbeiter zu schnell ist, wird er zurückgepfiffen, denn auch hier gilt: Qualität vor Quantität.

Es gibt Mitarbeiter, die machen tagein tagaus nichts anderes, als solche Belege zu kontrollieren. Da muss man aufpassen, dass man mit der Zeit nicht verkalkt. Ich habe mehr Glück, denn als Stellvertreter des Chefs übe ich auch andere Funktionen aus: Arbeitsplanung, Einteilung des Teams, Statistik nachführen und andere administrative Arbeiten.

Früher hatte ich eine Kaderstellung in einem Finanzunternehmen. Ich spreche 4 Sprachen und auch wenn mein heutiger Job nicht so anspruchsvoll ist, so bin ich doch froh, einen Gang zurück geschaltet zu haben und nicht mehr 24 Stunden für das Geschäft verfügbar sein zu müssen. Klar musste ich auch den Gürtel enger schnallen aber es hat sich gelohnt.

Mittagspause: Wir haben mehrere Restaurants in unserem Betrieb. Hier treffe ich immer wieder auf neue Gesichter. Es ist mir wichtig, Kontakt zu haben. Nach dem Essen gehe ich oft mit meinem Chef am Fluss entlang spazieren. Mein Chef ist 61, vielleicht kann ich später mal seinen Posten übernehmen. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander. Mit ihm habe ich in den ersten 2 Wochen mehr geredet als mit meinem früheren Chef in 3 Jahren! An meiner alten Stelle wollten sie mich loswerden. Ich erlitt ein Burnout.

Bei Buchmann & Partner habe ich dann wieder Fuss gefasst. Ich absolvierte ein tägliches Arbeitstraining, jeweils am Vormittag. Ich lernte, wie man ein Bewerbungsdossier optimal zusammenstellt und ein Vorstellungsgespräch führt. Das musste ich mehrmals üben. Wir haben es auf Video aufgenommen und analysiert. Da kam zum Vorschein, dass ich zu wenig dynamisch wirke. So habe ich mir dann angeeignet, auch mit den Armen und Händen zu reden. Das hat gewirkt. Dort wurde mir vorgelebt, was ein gutes Arbeitsteam ist. Ich wurde immer freundlich behandelt. Das hat mein Selbstwertgefühl gestärkt.

 

Beim jetzigen Job erledige ich am Nachmittag Spezialaufgaben und um 15:00 ist Feierabend. Oft gehe ich joggen. Ich bin mit einer Japanerin verheiratet. Ich lerne und spreche schon recht gut japanisch. Wir haben zwei Kinder, beides Teenager. Das verlangt oft innere Gelassenheit und Ruhe. Die habe ich von den Japanern gelernt. Ich bewundere die japanische Kultur und Lebenseinstellung, vor allem, mit welchem grossen Respekt Sie ihren Mitmenschen entgegentreten.

Abends helfe ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben. Dann wird gekocht, meistens japanisch. Den Abend geniesse ich mit meiner Frau, wir diskutieren oder lesen. Momentan lese ich das neuste Buch von Kazuo Ishiguro. Es heisst "Never let me go":

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Es handelt von Menschen die geklont werden um als Organspender zu dienen. Gruselige Geschichte aber hochspannend.

 

 

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