Ich bin mit vierzehn Mami geworden. Heute ist Joël bereits fünf Jahre alt und kommt im Sommer in den Kindergarten. Ein weiterer Schritt in die Selbständigkeit, - für uns beide. Momentan bringe ich ihn noch fast täglich in die Krippe, denn, nebst Mutter sein, mache ich eine Ausbildung als Fachfrau Gesundheit in einer Uniklinik. Ich bin im zweiten Lehrjahr und arbeite auf einer geschlossenen Akutstation. Hier gibt es Tage ohne Stress und dann wieder Tage mit viel Stress, je nachdem, was für Leute wir auf der Station haben. Zurzeit haben wir viele Psychotiker, da ist es schon relativ streng.

Psychotiker, das sind vornehmlich Patienten mit Wahnvorstellungen, sie hören zum Beispiel Stimmen oder erzählen den ganzen Tag lang wirre Sachen. Ich höre da einfach zu. Der grösste Teil unserer Patienten wird unfreiwillig eingewiesen, mit einer FU, das heisst fürsorgerische Unterbringung, früher hiess das FFE, fürsorgerischer Freiheitsentzug. Dabei werden keine Zwangsjacken mehr eingesetzt, die sind nicht mehr erlaubt. Unter ihnen gibt es auch gefährliche Patienten, solche, welche andere oder auch sich selbst gefährden. Wenn eine Gefährdung vorliegt, werden diese Patienten isoliert und kommen in ein Isolierzimmer. Viele stellen sich dieses Zimmer wie eine Gummizelle vor, die man vielleicht von alten Filmen her kennt. Dabei ist es ein ganz normales Zimmer, weiss gestrichen, mit Gittern vor dem Fenster, einer unbrennbaren Matratze. Eine Toilette gibt es nicht, dafür eine Pfanne am Boden. Kommuniziert wird über eine Gegensprechanlage. Wenn jemand poltert oder schreit hört man das auf der ganzen Station, das ist dann für andere Patienten zum Teil schon beängstigend. Aber es gibt ja immer einen Grund für eine Isolierung, nichts geschieht grundlos. Es geschieht zu unserem Schutz und zum Schutz des Patienten selbst. Und das „Wegsperren“ erfolgt ja nur für eine bestimmte, meistens kurze Zeit. Viele dieser Patienten werden mediziert, das bedeutet, sie bekommen starke Beruhigungsmittel. Deswegen müssen wir als Pflegepersonal alle Viertelstunde kontrollieren, ob der Patient noch atmet.

Mittlerweile kann ich auch mit diesen schwierigen Situationen recht gut umgehen.

Mein Job gefällt mir ausserordentlich gut, es ist eine äusserst vielfältige Arbeit. Der Kontakt zu Menschen: Das liegt mir. Und ich finde auch die Krankheitsbilder äusserst spannend. Jeder ist anders und bei jeder Person zeigt sich eine bestimmte Krankheit auch anders.

Was mich auch interessiert, in die Tiefe zu gehen, was kann eine psychische Störung wohl für einen Ursprung oder Grund gehabt haben.

Wir haben Patienten mit einer bipolaren Störung, also Manisch-Depressive. Oder auch Drogen- oder Alkoholabhängige. Manische Patienten und Abhängige sind oft äusserst herausfordernd. Sie fordern viel, reden ununterbrochen, leiden an Grössenwahn und verlangen oft, dass wir als Pfleger uns ihnen unterordnen. Dabei möchte ich den Patienten auf gleicher Augenhöhe begegnen und es ist dann relativ schwer, wenn ein Patient verlangt, dass ich mich unterordne.

Wir haben auch suizidale Patienten, diese werden 1:1 betreut, 24 Stunden im Schichtbetrieb. Es ist immer eine Pflegeperson beim Patienten. Damit er ja keine Chance hat, sich etwas anzutun. Da genügt ein Schuhbändel, ein spitzer Gegenstand. In der Psychiatrie habe ich zum Glück noch nie schlimme Erfahrungen gemacht, dass ich zum Beispiel angegriffen worden wäre. Schwierig ist es manchmal, wenn ich als junge Frau „angemacht“ werde.

Unter der Woche gehe ich 2 Tage in die Schule und 3 Tage zur Arbeit. Meistens arbeite ich im Frühdienst, von 7 bis 16 Uhr. Ich bringe Joël vorher in die Krippe und hole ihn nach Feierabend ab. Wenn ich Spätdienst habe oder am Wochenende arbeite, springt meine Familie ein, meine Eltern oder Schwestern. ‒

Als klar war, dass ich damals, mit 13 Jahren, ein Kind erwartete, wusste ich nicht, wie ich dies meinen Eltern sagen sollte. Ich habe schliesslich bis zum siebten Monat damit gewartet. Man hat mir währende der Schwangerschaft nichts angesehen, ich hatte keinen Bauch. Nichts. Es war ein Riesenschock für meine Eltern, aber sie haben sich dann schnell aufs Baby gefreut. Auch heute: Super Grossmami, Super Onkel und Tanten. Damals ging ich noch zur Schule und hatte mir die Zukunft schon anders ausgemalt. Doch ich habe mich aufs Kind gefreut. Bestimmt habe ich alles unterschätzt, mir einfacher vorgestellt, aber heute bin ich der Situation gewachsen.

Als sehr junges Mami fällt man hier in der Schweiz schon auf: Da gibt es auch manch bösen Blick, oder Bemerkungen, die ich mir anhören muss, aber das hat mich in der Regel kalt gelassen. Ich habe mir immer gesagt: „Das ist mein Ding, ich gehe meinen Weg. Ich gehe diesen Weg für mich und für mein Kind und für niemand anders!“

Hypnose: Das war für mich schon etwas völlig Neues, ich hatte da grosse Zweifel. Man sieht das ja oft im Fernsehen, die machen da so kuriose Sachen, aber das war’s dann überhaupt nicht. Ich war sehr positiv überrascht. Ich wollte ein Erlebnis aus der frühen Kindheit aufarbeiten und endlich sagen können: Es ist passiert, aber jetzt ist alles gut. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie ein anderer Mensch, mit seiner Stimme, mit leiser Musik im Hintergrund, jemanden etwas so Gutes tun kann. Ich habe mich frei gefühlt. Ich hätte nie gedacht, dass es so sein wird. Ich bin offen für das, was bei der zweiten Sitzung passiert.

 

Rudolf S. Jeanninne S. Slavko V. Mili L. José A. Pal N. Simon F. Luana Z. halbe_menschen
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